Seil & Schnur
Gedrehte Fasern, die alles halten
Tafel
- 1Fasern
- 2Garn
- 3Litze
- 4Dreischäftiges Seil
- 5Kurbel mit Haken
- 6Lehre (Leitholz)
Anatomie
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Ein traditionelles Seil besteht aus kurzen Fasern, die zu Garnen, die Garne zu Litzen und die Litzen zum Seil gedreht werden; so entsteht eine Leine, die viel länger und stärker ist als jede einzelne Faser. Neandertaler drehten schon vor mehr als 40.000 Jahren Schnüre, und seitdem dient das Seil zum Binden, Ziehen, Heben und Takeln.
Was es ist
Ein Seil ist eine lange, biegsame Leine, die Zug aushält. Ein traditionelles Seil besteht aus Fasern, die einzeln nur wenige Zentimeter bis etwa einen Meter lang sind: Pflanzenstängel und Blätter, Bast, Tiersehnen oder Haare. Zusammengehalten werden sie durch Drehung. Moderne Kunstfaserseile können aus Endlosfasern bestehen, und viele sind geflochten statt gedreht.
Dünnes Seil heißt Schnur, Bindfaden oder Garn. Seile verzurren Lasten, ziehen Boote und Steine, spannen Netze und Fallen und takeln Segelschiffe.
Wie es funktioniert
Eine einzelne Faser ist schwach und kurz. Verdreht man viele Fasern miteinander, presst die Drehung sie aneinander, und die Reibung hindert sie am Auseinandergleiten. Zieht man am Garn, zieht es sich enger zusammen und presst stärker: Je mehr Last, desto besser hält es.
Gegendrehen: Jedes Bündel wird in eine Richtung gedreht und dann gegenläufig über das andere gelegt.
Ein verdrehtes Garn allein neigt dazu, sich wieder aufzudrehen. Die Lösung ist, es noch einmal in die Gegenrichtung zu drehen. Fasern werden in eine Richtung zu Garn gesponnen; mehrere Garne werden andersherum zu einer Litze gedreht; drei Litzen werden wieder in die erste Richtung zum Seil geschlagen. Die Restdrehung jeder Stufe zieht gegen die der Stufe in ihr; die Kräfte heben sich auf, und das Seil hält seine Form. Ein so gebautes Seil aus drei Litzen heißt dreischäftig.
Dieselbe Regel gilt im Kleinsten. Beim Gegendrehen, einer einfachen Handmethode, werden zwei Faserbündel jeweils in eine Richtung gedreht und dann in der Gegenrichtung umeinandergelegt; heraus kommt eine zweischäftige Schnur, die nicht aufgeht. Ein langes Seil entsteht genauso, nur größer: Eine Kurbel dreht die Litzen, und ein gefurchter Holzkegel, die Lehre, hält sie auseinander, bis sie sich hinter ihm zusammenlegen.
Wie man es herstellt
Gute Seilfasern sind lang und fest: Brennnessel, Flachs, Hanf, Bast von Linde oder Weide, Rohrkolbenblätter, oder zum Üben gekauftes Baumwoll- oder Hanfgarn.
Die Faser vorbereiten. Brennnesselstängel im Spätsommer mit Handschuhen schneiden. Flach drücken, spalten, das holzige Mark entfernen und die Außenhaut mit den Fasern abziehen. Trocknen lassen und vor dem Gebrauch leicht anfeuchten. Lindenrinde muss mehrere Wochen im Wasser liegen, bevor sich die Faserschichten lösen.
Schnur von Hand drehen. Ein Bündel etwas neben seiner Mitte knicken, sodass die beiden Enden ungleich lang sind. Den Knick festhalten. Das obere Bündel von sich weg drehen und dann zu sich hin über das untere legen. Wiederholen und den Griff weiterschieben. Wird ein Bündel kurz, ein neues Faserbüschel danebenlegen und mit eindrehen; die versetzten Enden sorgen dafür, dass zwei Ansätze nie an derselben Stelle liegen.
Eine Seilerbahn einrichten. Für dickeres Seil ein Gestell mit drei Haken befestigen, die eine Kurbel gemeinsam dreht. Drei gleich lange Schnüre oder Garne von diesen Haken zu einem einzelnen Wirbelhaken auf einem beschwerten Schlitten am anderen Ende spannen. Den Wirbel vorerst mit einem Stift blockieren und die Lehre direkt am Schlitten zwischen die Litzen setzen, in jede Furche eine Litze.
Drehen und schlagen. Die Kurbel in die Richtung drehen, die den vorhandenen Drall des Garns verstärkt, bis jede Litze hart ist und sich beim Nachlassen kringelt. Dann den Stift ziehen, damit sich der Wirbelhaken drehen kann. Weiterkurbeln, während ein Helfer die Lehre langsam zum Gestell hin führt: Hinter ihr legen sich die Litzen von selbst in Gegenrichtung zum Seil, und der Schlitten rückt nach, weil das Seil kürzer wird.
Die Enden sichern. Jedes Ende vor dem Abschneiden fest mit dünnem Garn umwickeln, einem Takling, sonst gehen die Litzen auf.
Sicherheit. Ein belastetes Seil speichert Energie; reißt es, schnellen die Enden heftig zurück, darum nie in der Linie eines gespannten Seils stehen. Selbst gemachtes Seil nicht zum Klettern, zum Heben von Menschen oder für Lasten über Köpfen verwenden. Auch die Kurbel speichert Drehung: Beim Anhalten festhalten, sonst schlägt sie zurück. Handschuhe tragen, für die Brennnesseln und wenn Seil durch die Hände läuft.
Geschichte und Entwicklung
Das Elfenbeinwerkzeug vom Hohle Fels, rekonstruiert: Durch die vier Löcher geführte Fasern werden zu Seil gedreht.
Der älteste direkte Nachweis einer Schnur stammt aus dem Abri du Maras, einem Felsdach in der Ardèche in Frankreich. 2020 beschrieben Forschende ein etwa 6 mm langes Bruchstück, das an einem Steinwerkzeug haftete: drei Bündel Bastfasern, wahrscheinlich von einem Nadelbaum, erst verdreht und dann miteinander verzwirnt. Es ist 41.000 bis 52.000 Jahre alt und stammt von Neandertalern, die also in zwei entgegengesetzten Richtungen drehen konnten.
In der Höhle Hohle Fels in Südwestdeutschland fanden Ausgräber einen etwa 20 cm langen Streifen aus Mammutelfenbein mit vier Löchern, die von spiralförmigen Rillen umgeben sind, 35.000 bis 40.000 Jahre alt. 2024 deuteten Nicholas Conard und Veerle Rots es als wahrscheinliches Seilerwerkzeug: In seinen Rillen steckten Pflanzenfasern, und ein ähnlicher Stab aus der nahen Geißenklösterle-Höhle hat Rillen, die wie von durchgezogenen Fasern abgenutzt sind. Mit Nachbauten stellten Gruppen von vier oder fünf Personen in 10 Minuten etwa 5 Meter festes Seil her; Rohrkolbenblätter eigneten sich besonders gut.
Der Palstek bildet eine feste Schlaufe, der Webeleinstek belegt an einem Pfosten, der Kreuzknoten schnürt ein Bündel; zum Verbinden belasteter Seile taugt er nicht.
Bäuerliche Gesellschaften stellten Seile in viel größerem Maßstab her. Die Ägypter drehten Seile aus Schilf, Papyrus, Palmfasern und Flachs, und Mannschaften an Zugseilen bewegten die Steine der Monumente. In Wadi Gawasis, einem pharaonischen Hafen am Roten Meer, fanden Archäologen Rollen von Schiffstauen, sorgfältig verknotet und in künstlichen Höhlen gelagert, die Expeditionen ins Land Punt nutzten.
In Europa fertigten die Segelflotten vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ihr Tauwerk in Reeperbahnen, Gebäuden, die lang genug waren, um ein Seil in voller Länge in einem Stück zu schlagen. Die Reeperbahn der Werft von Chatham in England ist fast 350 Meter lang, und dort wird seit mehr als 400 Jahren Seil hergestellt. Nylonseile kamen im Zweiten Weltkrieg auf, und seit den 1950er-Jahren übernahmen Kunstfasern die meisten Aufgaben von Hanf und Manila.